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„Let me tell you my story“

Am Donnerstag, 24.09.2015, besuchten uns zehn palästinensische Frauen christlichen Bekenntnisses, um uns aus erster Hand über ihr Leben hinter den Sperranlagen um den Gazastreifen und das Westjordanland  zu informieren.

Vor den Schülerinnen der vier Klassen der zehnten Jahrgangsstufen berichteten die palästinensischen Gäste in der siebten und achten Stunde im Rahmen des katholischen und evangelischen Religionsunterrichts von ihren Lebenserfahrungen unter dem Motto „Let me tell my story – Women’s rights stories from four communities in the Bethlehem district“.

Ziemlich kurzfristig vor Beginn der Sommerferien hatte Frau Lore Schelbert diesen Besuch, der unmittelbar nach der Ferienzeit terminiert war, angeregt. Um aber diese großartige Chance, Zeitzeuginnen aus Palästina hören zu können, aufzugreifen, sprachen wir gleichwohl diese Einladung aus, um dann später das Gehörte im Unterricht reflektieren zu können. Als rüstige Jubilarin und überzeugte Friedensaktivistin engagiert sich unsere ehemalige Schülerin Lore Schelbert, die im Jahre 1956 ihre Abiturprüfung am Erzbischöflichen Maria-Ward-Gymnasium abgelegt hat, für „PAX CHRISTI“, der ökumenisch ausgerichteten katholischen Organisation für Frieden.

Als Sprecherin dieser Frauengruppe fungierte Frau Rania Murra, „member of the Pax Christi international Board“ und Direktorin des „Arab Educational Institute“, das ebenfalls der internationalen christlichen Friedensgruppe angehört. Im Programm dieser Organisation heißt es: „Arab Educational Institute (AEI) opens windows and has a heart for Palestinian culture und living together“. Diese Gruppierung arbeitet hauptsächlich in Bethlehem und in der näheren Umgebung wie in Hebron und Ramallah, um das kulturelle Erbe und die Identität der Palästinenser vorwiegend durch Jugend- und Frauenarbeit zu bewahren und zu fördern.

Nachdem uns Frau Murra ihre Mitstreiterinnen vorgestellt hatte, erklärte sie zunächst den Begriff „Sumud“, der als Begriff aus der arabischen Sprache „Standfestigkeit“, das „Ertragen von  Problemen und Leid“ und „Weiterbestehen“ bezeichnet. Diese  Organisation zielt in erster Linie den Aufbau einer grenzüberschreitenden Gemeinschaft an und versucht außerdem, ein internationales Publikum anzusprechen, um über die Unterdrückung der Menschenrechte und Menschenwürde des palästinensischen Volkes aufzuklären, und zwar durch einen narrativen Ansatz, d.h. durch die Entfaltung persönlich erlebter Lebensgeschichten betroffener Menschen.

Die Direktorin des AEI berichtete dann anhand von entsprechenden Schaubildern über die Lebenssituation der Palästinenser. Folgende Stichworte waren hier zu lesen: „Pelestinians, crushed but not dead!“, „Palastenians without human rights“, „They destroy houses and trees and steal the land to build settlements“, „The Seperation wall“, „Checkpoints and Walls“, „Water“, „Praying in Jerusalem“ und „Yet we resist“, wobei noch einmal wichtige Eckpunkte und Ziele des „Arab Educational Institute“ zu lesen waren, wie: „Sumud“, „Education“, „Theology“, „Popular nonviolent resistande“, „Diplomacy“ und „And WITH YOU“.

In eindrucksvoller – manchmal auch sehr emotionaler Weise – erzählten die palästinensischen Gäste von ihrem Leben „behind the wall“, ein Leben, das durch Entbehrungen in den verschiedensten Lebensbereichen und durch permanente militärische Kontrolle gekennzeichnet ist, wobei man es den Frauen wohl aufgrund ihrer unmittelbaren Betroffenheit nicht verübeln kann, die politische Genese des Nahost-Konflikts und den terroristischen Hintergrund, der auf beiden Seiten der Konfliktparteien eine zentrale Rolle einnimmt, unerwähnt zu lassen:

So gibt es oft Engpässe in der medizinischen Versorgung und nicht wenige schwangere palästinensische Frauen bringen ein totes Kind zur Welt, da sie aufgrund der zeitaufwändigen Grenzkontrollen den Weg in die Krankenhäuser nicht schaffen. Oftmals wird das Wasser rationiert, so dass auf palästinensischer Seite der Walls oftmals nicht genügend Wasser zum Waschen zur Verfügung steht. Auch kann auf diesem Hintergrund Landwirtschaft nicht erfolgreich betrieben werden. Für Jugendliche gibt es keine beruflichen Perspektiven, mit der Folge, dass die Jugend das Land verlässt und eine Rückkehr in die Heimat ausschließt.  Stark berührt hat uns alle die bewegende Schilderung des Schicksals zweier Palästinenserinnen, deren Sohn bzw. Ehemann, die überhaupt nicht in die gewalttätigen Auseinandersetzungen involviert waren,  ums Leben gekommen sind.

Dass sie in ihrer Heimat in Frieden als Zivilisten leben wollen und dass sie jedwede Gewalt ablehnen, vgl. „popular nonviolent resistance“, betonten die Gäste. Auf die Frage einer Schülerin, wie sie sich denn ihre Zukunft vorstellen würden, betonten sie, dass sie als Christinnen auf „Hoffnung“ und „Solidarität“ setzten.
Lang anhaltender Beifall dankte den Referentinnen, deren Schilderungen uns noch im Unterricht beschäftigen werden.

Meiner Kollegin, Rita Elsner, darf ich auch im Namen unserer Schülerinnen für ihre in englischer Sprache gehaltene Moderation sehr herzlich danken.

Dr. Jürgen Schmelter