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Taizé - Zeit zum Ankommen

„Ein Leben in Gemeinschaft kann ein Zeichen dafür sein, dass Gott Liebe und nur Liebe ist. Allmählich reifte in mir die Überzeugung, dass es darauf ankam, eine Gemeinschaft ins Leben zu rufen, [...] in der es im Letzten um die Güte des Herzens und die Einfachheit geht.“Frère Roger (Gründer der Communauté de Taizé)

Kurz nach der Klausurenzeit und wenige Wochen vor der nächsten Stressphase in der Oberstufe bekamen wir, 34 Schülerinnen der Q11, die Möglichkeit für eine Auszeit. Eine Auszeit im wahrsten Sinne des Wortes: Ein paar Tage, in denen es nur um uns selbst und um unsere Gedanken ging.

Nach einer langen und anstrengenden Busfahrt nach Frankreich in die ca. 10 km nördlich von Cluny liegende Communauté de Taizé (Gemeinschaft von Taizé), welche ein internationaler, ökumenischer Männerorden ist, kamen wir am Abend vollkommen erschöpft an. Schnell wurde uns bewusst, wie anders das Leben in der Gemeinschaft ist und für uns sein würde.

Zum Abendessen bekamen wir lediglich einen Löffel als Besteck, auf den Hochbetten in unseren Zimmern lag nur eine Wolldecke. Aber gut, wahrscheinlich war das der Teil der Fahrt, auf den wir dank Erzählungen mehr oder weniger gut vorbereitet waren.

Viel außergewöhnlicher war der erste Gottesdienst. Wir erwarteten das, was man von einer Kirche nun einmal erwartet: Holzbänke, einen Altar mit viel Gold und einem großen Kreuz, ein Priester, der predigt. Fehlanzeige. Nichts davon war in der Kirche vorhanden. Stattdessen saßen alle auf dem Boden. In der Mitte saßen hintereinander einige Mönche. Der Altar war einfach gehalten, kaum geschmückt. Die Kirche wurde durch den Kerzenschein unzähliger Kerzen erleuchtet.

Der Gottesdienst selbst bestand zu einem Großteil aus Singen. Da wir an einem Samstag angekommen waren, hatte der erste Gottesdienst außerdem noch eine Besonderheit: Jeder Besucher des Gottesdienstes hatte eine Kerze. Nachdem die erste Kerze angezündet worden war, wurde das Licht von Kerze zu Kerze und somit von Mensch zu Mensch weitergegeben, bis schon bald jeder eine leuchtende Kerze in der Hand hielt. Ziemlich überwältigt von der unbeschreibbaren Schönheit des Ganzen blieben viele von uns an diesem Abend weit über zwei Stunden in der Kirche: Manche um nachzudenken und die Eindrücke zu verarbeiten, andere, um den wunderschönen Gesängen noch ein wenig länger zuzuhören.

In Taizé gibt es jeden Tag drei Gottesdienste und in jedem Gottesdienst zehn Minuten Schweigen. Zehn Minuten, in denen jeder für sich ist und dennoch alle zusammen sind. Anfangs waren diese wenigen Minuten für uns alle schwer. Schließlich haben wir in unserem Alltag selten zehn Minuten nur für uns. Doch schon an unserem zweiten Tag in Taizé begannen wir plötzlich, genau diese zehn Minuten sehr zu schätzen. Jeder freute sich auf den nächsten Gottesdienst und die nächsten zehn Minuten, in denen es nichts Wichtigeres, als unsere Gedanken gab.

In der Gemeinschaft von Taizé geht es nicht darum, woher du kommst, an was du glaubst oder was du in der Zukunft erreichen willst. Es geht um den Menschen als Individuum im Hier und Jetzt - in der Gemeinschaft.

Denn das ist das Wichtigste in Taizé: die Gemeinschaft. Beten, Essen, Putzen. Alles wird gemeinsam erlebt und erledigt. Beim Abwasch lernten wir Menschen aus der ganzen Welt kennen. Von Hong Kong, über Madagaskar bis nach Tschechien waren unzählige unterschiedliche Nationalitäten und deren Mentalitäten vertreten. Während der gemeinsamen Arbeit lernten wir nicht nur ein paar Worte Chinesisch, sondern auch, wie wichtig der Zusammenhalt ist, damit sich alle wohlfühlen.

Am Tag unserer Abreise war keiner von uns froh unser neugewonnenes „Zuhause“ (und so fühlte es sich für die meisten tatsächlich an) verlassen zu müssen. Die Kirche war innerhalb der wenigen Tage eine Art Rückzugsort für uns geworden in Momenten, in denen wir nichts als Ruhe brauchten. Mit vielen Menschen aus Ländern der ganzen Welt hatten wir Freundschaften geschlossen. Wir hatten die Toiletten geputzt und die Kirche gestaubsaugt. Aber nichts davon hatten wir gemacht, weil wir mussten, sondern einfach, weil uns bewusst geworden war, dass „Gemeinschaft“ nur funktioniert, wenn alle zusammenhelfen. Trotz allem kann man Taizé und die Gefühle, die wir dort hatten, wohl kaum beschreiben, sondern muss sie selbst erlebt haben.

Vielen Dank, dass es uns ermöglicht wurde, diese Erfahrung zu machen!

Sophia Siegemund