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Interview mit Hr. Dr. Erös

Die Grundsteinlegung „unserer“ Partnerschule MARYAM Girls-High-School in Sargodha/Pakistan hat die Idee entstehen lassen, Herrn Dr. Erös, den Gründer der Kinderhilfe Afghanistan, um ein Interview zu bitten. Wir freuen uns über die ausführlichen und informativen Antworten, die deutlich machen, wie sinnvoll unsere Arbeit im P-Seminar ist.

P-Seminar: Sie sind der Gründer der Organisation „Kinderhilfe Afghanistan“ – was würden Sie als den vordringlichsten Beweggrund für diese Gründung benennen?

Die Vorgeschichte hierzu reicht zurück in meine Studentenzeit und die Jahre als junger Arzt. Sie ist gut nachzulesen in meinem ersten Buch „Tee mit dem Teufel“. Schon  während meines Studium habe ich in den Semesterferien in Entwicklungsländern famuliert. Als approbierter Arzt nutzte ich dann über Jahrzehnte regelmäßig meinen Urlaub für Einsätze u.a. in den Slums von u.a. Indien, Bangladesch, Ruanda, Ost-Timor, um den Ärmsten der Armen zu helfen.
Hier wiederfuhr mir dann eine Art „Schlüsselerlebnis“: Bei meinem Einsatz in den Sterbehäusern von Mutter Teresa in Kalkutta fragte ich sie an einem Sonntag nach der Heiligen Messe: „Was ist die wichtigste Eigenschaft, die ein Arzt aus Deutschland mitbringen muß, um diesen Armen zu helfen?“. Ich erwartete eigentlich die Antwort: „Du mußt fromm und ein gut ausgebildeter Arzt sein.“ Weit gefehlt. Mutter Teresa antwortete mir in ihrer einzigartigen, bescheidenen Art: „Du mußt die Menschen lieben, denen Du helfen willst!“  Dieser Satz wurde mir seither zu einem Lebensmotto. In den 80er Jahren, während der brutalen sowjetischen Besatzung Afghanistans, ließ ich mich von meinem Arbeitgeber Bundeswehr für 5 Jahre (1985-1990) unbezahlt beurlauben, um die Menschen in den Bergdörfern ärztlich zu betreuen. Meine Familie - meine Frau und vier kleine Kinder - lebte in diesen Jahren im Nachbarland Pakistan und kümmerte sich um die Flüchtlinge aus Afghanistan. Dabei lernten wir das Land und seine wunderbaren Menschen, die trotz ihrer Armut unvorstellbar gastfreundlich waren, intensiv kennen und schätzen. Daraus entwickelte sich eine innige Beziehung zu den Menschen am Hindukusch.
Zehn Jahre später kehrten wir nach Afghanistan zurück. Während des brutalen Taliban-Regimes (1995- 2001) bauten und betrieben wir mit privaten Spenden eine erste Mädchenschule. Nach dem Sturz der Taliban 2001 gründeten wir dann auch formal eine Stiftung – eben die „Kinderhilfe Afghanistan“. Ich ließ mich vorzeitig von der Bundeswehr pensionieren, um mich ganz für den Wiederaufbau Afghanistans einzubringen.
 
P-Seminar: Die Errichtung von Schulen stellt das Zentrum Ihrer Aktivität dar. Erklären Sie uns kurz, warum dies für Sie so wichtig ist?

In den vielen Jahren im Entwicklungsdienst lernte ich, dass Bildung zwar nicht alles, aber ohne Bildung alles nichts ist. Gerade Bildung für Mädchen ist die effektivste und effizienteste Art, um ein unterentwickeltes Land (dasselbe gilt zum Teil auch für entwickelte Länder !) nach vorne zu bringen. Gebildete Mütter haben weniger Kinder (ein riesiges Problem beim Aufbau sozialer Strukturen in armen Ländern), sie sind gesünder, erziehen ihre Kinder besser und tragen so enorm dazu bei, dass Kinder zur Schule gehen und später einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau dieser Länder leisten können

P-Seminar: Nach dem diesjährigen Abzug der ISAF-Truppen aus Afghanistan herrschen große Unruhen in Afghanistan und Pakistan.
Liegt ein erhöhtes Risiko vor, in diesen Krisengebieten Schulen zu errichten, in denen auch Mädchen ausgebildet werden, obwohl ihnen dort von verschiedenen Seiten  immer wieder das  Recht auf Bildung abgesprochen wird?

Hier ist die Antwort kurz und knapp: Nein. Erziehungsprojekte, von Ausländern betrieben, sind in Afghanistan und Pakistan sicher problematischer als in anderen Entwicklungsländern, aber nicht unmöglich. Vor allem sind sie politisch - im Sinn der Verständigung zwischen unterschiedlichen Religionen und Kulturen - enorm wichtig. Deshalb arbeiten wir ja auch dort und nicht in z.B. katholischen südamerikanischen Ländern. Dort wäre es sicher „einfacher“.

P-Seminar: Wie erreichen Sie es, dass Ihre Schulen trotz der bestehenden Herrschaft der Taliban in einigen Gebieten, fortbestehen?

Die Menschen kennen uns seit vielen Jahren (zum Teil seit Jahrzehnten) und vertrauen uns. Gegenseitiges Vertrauen ist das wichtigste Pfund, mit dem wir wuchern können. Afghanistan und Pakistan haben eine personenbezogene, weniger eine (wie bei uns)  funktions- oder sachbezogene Kultur. Wir betreiben keine Politik und halten uns von ausländischen Militärs fern. Unsere Schulen, Waisenhäuser und Krankenstationen planen, bauen und betreiben wir nur dann, wenn die örtliche Bevölkerung, die Dorf- und Stammesältesten und die religiösen Führer (häufig talibannahe Mullahs) den Projekten zustimmen. Falls dies nicht der Fall ist, warten wir ab und bauen zunächst keine Schulen. Mit dieser Vorgehensweise ist bislang keine unserer Einrichtungen bedroht oder gar angegriffen wurden.

P-Seminar: Durch welche Besonderheiten zeichnet sich die neu errichtete Maryam-Girls-Highschool aus?

Die noch im Bau befindliche Schule ist als christlich-moslemische Gemeinschaftsoberschule für Mädchen geplant. In den ländlichen Bereichen Pakistans - einem Land, in dem die ca. 4 Millionen Christen immer wieder  Ziel von Anschlägen durch religiöse Fanatiker sind - haben Kinder allgemein wenig Möglichkeiten, überhaupt eine Schule zu besuchen. Zusammen mit einem katholischen Pater, ein deutschsprachiger Südtiroler, der seit über 40 Jahren vor Ort lebt  und arbeitet,  und moderaten moslemischen LehrerInnen haben wir vor vier Jahren bereits die ersten religiösen Gemeinschaftsdorfschulen  gebaut und bislang ohne Probleme betreiben können. Jetzt „wurde es einfach Zeit“, den begabten unter diesen SchülerInnen auch den Besuch einer gemeinsamen Oberschule zu ermöglichen.



P-Seminar: Wir freuen uns sehr, den Schülerinnen durch unsere Arbeit zur Möglichkeit auf Bildung zu helfen. Wird es möglich sein, dass wir in einen Informationsaustausch mit diesen Kindern und Jugendlichen treten?

Ein direkter persönlicher Kontakt – etwa Schüleraustausch – wird in absehbarer Zeit sicher nicht möglich sein. Aber Kontakte über Briefe/Fotos, deren Transport wir gerne in beide Richtungen übernehmen wollen, und via E-Mail sind natürlich möglich und wünschenswert.

Mirella Kleindienst