DJSlider Maria Ward Woche 2015

  • SLDaDSCF7672 (1).JPG
  • SLDaDSCF7673 (1).JPG

„Das Frauenbild Maria Wards“

Vor katholischen und evangelischen Schülerinnen der Q 11 hielt Schwester Ursula Garharter CJ im Rahmen der Maria-Ward-Woche 2015 einen eindrucksvollen Vortrag , der im Folgenden von einem Zuhörer wiedergegeben und auch mit einigen Anmerkungen versehen wird.

Nach der Begrüßung durch Herrn Dr. Schmelter stellte sich Schwester Ursula vor, indem sie auf Gemeinsamkeiten zwischen sich und den anwesenden Schülerinnen sowie Lehrkräften hinwies: Auch sie hat als Schülerin oftmals unseren Festsaal betreten, in dem sie im Jahre 1964 ihr Abiturzeugnis überreicht bekommen hat. Die Gemeinsamkeit mit den Lehrkräften liege darin, dass Sr. Ursula, die viele Jahre die Maria-Ward-Schule in Regensburg geleitet hat, wieder im Maria-Ward-Gymnasium München angekommen sei und unterrichte, nämlich als Aushilfe in Latein einer neunten Jahrgangsstufe, was ihr sehr große Freude bereite.

 

Bevor Sr. Ursula mit ihrem Vortrag begann, stellte sie heraus, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer ohne Zweifel in ihrer Darstellung aktuelle
kirchen- und gesellschaftspolitische Bezüge erkennen würden, die sie aber nicht weiter kommentieren wolle, da sie für sich selbst sprächen:

Das im Alten Testament zu findende Frauenbild bildete für Sr. Ursula den Ausgangspunkt ihrer Ausführungen, wobei sie aber schon hier darauf hinwies, dass sich der Jude Jesus auf dem Fundament des Alten Testaments bewegte: In der ersten Schöpfungserzählung des Buches Genesis heißt es: „Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie“. Deutlich wird hier die Gleichrangigkeit aller Menschen in ihrem Wert, unabhängig von ihrem Geschlecht. Sr. Ursula betonte ausdrücklich, dass Mann und Frau vor Gott vollkommen gleichgestellt sind.

Für Heiterkeit sorgte in diesem Moment ein Apfel, der offensichtlich aus einer Brotzeitbox einer Schülerin gefallen war und in dem Moment, als auf die Schöpfungserzählungen verwiesen wurde, langsam und deutlich hörbar nach vorne rollte.

Die Gleichstellung von Mann und Frau, die in der Schöpfungserzählung theologisch fundiert wird, ist im Neuen Testament durch das Beispiel Jesu konkretisiert worden, den neben den Aposteln auch immer Frauen begleiteten. Jesus setzte sich damit über die überkommenen gesellschaftlichen Normen einer patriarchalischen Welt hinweg, nach denen Frauen als intellektuell und moralisch minderwertige Geschöpfe galten, und geriet deshalb insbesondere mit dem jüdischen, religiösen Establishment in Konflikt, der mit seinem Tod enden sollte.

Der Werdegang Maria Wards, die ebenfalls mit dem kirchenpolitischen und gesellschaftlichen Establishment in einen schwerwiegenden Konflikt geraten sollte, deutet sich hier bereits an.

Überhaupt, so führte Schwester Ursula weiter aus, spielen Frauen im Neuen Testament eine zentrale Rolle: So stellt beispielsweise Maria Magdalena die erste Person dar, die Jesu Auferstehung verkündet, was aber die Apostel zuerst in Zweifel ziehen. Der heilige Augustinus wird Maria Magdalena später als „Apostelin aller Apostel“ bezeichnen. Weitere für das Christentum bedeutsame Frauen sind Phoebe, die als Diakonin eine leitende Funktion in einer christlichen Gemeinde bekleidete, und Lydia, die vom Judentum zum Christentum übertrat und als erste europäische Christin gilt.

Solche Beispiele für ein neuartiges Frauenbild, das eng mit der Botschaft Jesu zusammenhängt, sollten allerdings keinen nachhaltigen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Kirche mit sich bringen, was mit Sicherheit manche Zuhörerin und mancher Zuhörer – zusammen mit Maria Ward – bedauern wird. Die patriarchalisch geprägte römische Gesellschaft - und nicht nur die – hatte und hat keine Verwendung für gleichgestellte Frauen. In der Folge erzielten diese Frauen und das durch sie konstituierte Frauenbild der frühen Kirche keine nachhaltige Wirkung und gerieten zunehmend in Vergessenheit, was auch in aktuellen kirchen- und gesellschaftspolitischen Debatten festzustellen ist.

An dieser Stelle fiel mir das erste Gemälde aus der Gemäldesammlung „Das Gemalte Leben Mary Wards“ ein, die 50 Bilder umfasst, die den spirituellen Weg der Ordensgründerin in legendenhafter Form nachzeichnen. Man vermutet heute, dass die Bilder von verschiedenen Künstlern irgendwo zwischen Flandern und Tirol in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gemalt worden sind. Diese Gemälde sind heute im „Maria-Ward-Saal“ im „Zentrum Maria Ward“ in Augsburg zu finden.

Das erste Bild trägt den Titel: „Jesus war das erste Wort der kleinen Maria. Nach diesem kam ihr lange Zeit kein anderes Wort über die Lippen“. Dieses Gemälde will, so glaube ich, nicht nur zeigen, dass sich Maria Ward ihr Leben lang, trotz aller Enttäuschungen, Rückschläge und Misserfolge, an den Worten und Taten Jesu orientiert hat, sondern es will gerade auch verdeutlichen, welche immense Wirkung dem neuartigen Frauenbild Jesu für die Ordensgründerin zukommt, das sie von Anfang an in allen Bereichen ihres apostolischen Wirkens leiten soll.

Maria Ward wuchs in England in einer Zeit der blutigen Katholikenverfolgung auf. Kirchliche Äußerungen zur Gleichstellung von Mann und Frau gab es in dieser Zeit kaum; im Gegenteil es wurden Frauen verfolgt und bestraft, wenn sie sich in der Öffentlichkeit über religiöse Fragen äußerten und gar Bibelstunden abhielten. Nicht wenige Frauen wurden aus solchen Gründen hingerichtet. Bei der aus York gebürtigen römisch-katholischen Margaret Clitherow, die als Märtyrerin heiliggesprochen wurde, reichte es beispielsweise als Hinrichtungsgrund aus, dass sie katholische Priester bei sich beherbergt und die Messe hat lesen lassen.

In England bildete sich zu dieser Zeit eine Widerstandsbewegung im Untergrund heraus, die sich unter anderem für die Aufhebung der Isolierung von Frauenklöstern einsetzte, die als „Heilmittel gegen den Sittenverfall der Frau“ im Zuge der Gegenreformation durch das Konzil von Trient 1545 bis 1563 eingeführt worden war. Deutlich wird hier aber auch, dass Maria Ward an zwei Fronten gleichzeitig zu kämpfen hatte, gegen kirchliche und gesellschaftliche Vorurteile und Vorverurteilungen!

Maria Ward wird als Seelsorgerin der katholischen Untergrundkirche Englands bezeichnet, eine Aufgabe, die von Klöstern, die streng auf die Klausur achteten, nicht geleistet werden konnte. Auch als ihre Arbeit entdeckt und sie per Steckbrief gesucht wurde, um sie gefangen zu nehmen, verließ sie England nicht und arbeitete weiterhin im Untergrund. Sie wurde nie müde, die Gleichstellung von Mann und Frau zu betonen. So war sie beispielsweise der Meinung, man müsse die Wahrheit Gottes lieben, was sowohl Männer als auch Frauen leisten könnten. Die Wahrheit Gottes bestehe darin, dass wir das, was wir zu tun haben, gut erledigen, wodurch dass innere Feuer mit Gottes Hilfe erhalten bleibe.

Abschließend zitierte Sr. Ursula den Spruch, der sich auf dem Grabstein der Ordensgründerin findet: „Die Armen zu lieben, darin zu verharren, mit ihnen zu leben, zu sterben und aufzuerstehen, das war das Ziel Mary Wards“. Die Dekrete der Gemeinschaft der Congregatio Jesu (CJ) formulieren das heute so: „Zum authentischen Leben aus dem Charisma Mary Wards gehört heute auch ganz wesentlich das politische Engagement für Gerechtigkeit!“.

Die Schwestern der Congregatio Jesu, die sich nicht mehr wie in früheren Tagen vorrangig Angehörige eines Schulordens verstehen, sondern als Mitglieder eines ignatianischen Frauenordens, fühlen sich diesem politischen und sozialen Engagement in besonderer Weise verpflichtet, so dass die Schwestern heute weltweit als Krankenschwestern, Ärztinnen und Hebammen wirken, sie arbeiten in der Verwaltung und in Gesundheitszentren; als Psychologinnen, Psychotherapeutinnen, in der AIDS-Fürsorge, in Hospizen für Alte und Kranke; in Heimen für physisch und geistig Behinderte; in der Leitung von Tageskliniken und in anderen Bereichen der Gesundheitsfürsorge. In ehemaligen Kriegsgebieten haben die Schwestern Heime für Waisen und andere Kinder aufgebaut, die der Fürsorge und Unterbringung bedürfen.

Zum Schluss lud uns Schwester Ursula zu einer Klosterbesichtigung und zu einem Besuch in ihren Räumen ein. Auf diese Einladung werden wir gerne zurückkommen.

Sehr herzlich danken wir Schwester Ursula für ihren beeindruckenden Vortrag!

Dr. Jürgen Schmelter