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Das Compassionprojekt des Maria-Ward-Gymnasiums 2014

Vom 10. bis zum 21. Februar 2014 besuchten die 78 Schülerinnen der drei zehnten Klassen für zehn Arbeitstage nicht die Schule, sondern arbeiteten täglich sechs bis acht Stunden in über 60 verschiedenen sozialen Einrichtungen, um auf diese Weise neue Erfahrungen sozialen, praktischen und emotionalen Lernens im Rahmen dieses Projekts zu gewinnen.

Am Montag, den 24. Februar 2014, wurden die Erfahrungen, die unsere Schülerinnen gewonnen haben, im Rahmen eines Besinnungstages reflektiert und ausgewertet.

Der ökumenische Gottesdienst, der von Herrn Stadtpfarrer Bauer und Herrn Pfarrer Soellner gefeiert wurde, brachte diese neu gewonnenen Erfahrungen vor Gott.

So hieß es in der Begrüßung:

„Bestimmt fällt es Euch nicht so leicht, nach diesen zwei Wochen der Praxisarbeit ab Dienstag wieder in der Schule Fuß zu fassen, nachdem Ihr zehn Arbeitstage lang in einer völlig anderen Welt verbracht habt:

Da begegnete man vielleicht einem traumatisierten zehnjährigen türkischen Jungen, der miterleben musste, wie sein von ihm geliebter Vater seine Mutter vor seinen Augen brutal verprügelt und dann vergewaltigt hat. Der Kleine vermisst seinen Vater sehr, der sich jetzt im Gefängnis befindet …

Da begegnete man vielleicht in einem Krankenhaus in einem abgeschirmten Krankenzimmer drei dreizehn- bis fünfzehnjährigen Mädchen, die ziemlich kleine Essensportionen unter Aufsicht zu sich nehmen mussten. Man sollte sich mit ihnen über Alltägliches unterhalten, gleichzeitig aber im Auge behalten, ob sie das Essen auch zu sich nehmen. Erwartet wurde auch, dass man sich mit ihnen unterhielt, aber auf keinen Fall auf das Thema ‚Essen’ zu sprechen kam …

Da begegnete man vielleicht im Großmarkt München im Rahmen der Initiative der „Münchener Tafel“ in Not geratenen Menschen, die auf eine Lebensmittelspende angewiesen sind wie mittlerweile 18.000 Münchnerinnen und Münchener, denen im Monat 120.000 Tonnen gespendeter Lebensmittel zu Gute kommen … .

Das waren drei Beispiele für Menschen in Not, die am Rande unserer Gesellschaft leben.
Ihr seid auf diese Menschen am Rande der Gesellschaft in den letzten beiden Wochen zugegangen und seid damit dem Beispiel Jesu gefolgt, der hinaus an die Ränder der Gesellschaft gegangen ist und die ‚Menschenfreundlichkeit Gottes’ gelebt habt, die in Jesus wie ‚ein Licht in der Finsternis’ erschienen ist.“

Diese vielfältigen Erfahrungen, die unsere Schülerinnen im Umgang mit dem Nächsten, der durch Krankheit, Behinderung, Alter und Notsituationen eingeschränkt ist und Leid erfährt, gewinnen konnten, wurden im Rahmen des kreativen Schreibens thematisiert und als Lesungstexte in den Gottesdienst eingebracht. So entstanden beeindruckende Texte, von denen zwei hier vorgestellt werden sollen:

„Über Brücken“

Jemand sagte mir, ich solle über Brücken schreiben. Was ist aber besonders an einer Brücke? Das Holz, der Stein, der Stahl und der Beton, aus denen sie gemacht ist? Die Seile und Säulen, die sie halten? Der Fluss oder die Schlucht, über die sie führt? Oder die Menschen auf beiden Seiten, die sie bauen, um hinüberlaufen zu können?

Ich stelle mir eine Schlucht vor, aus deren Tiefen kalter Nebel aufsteigt. Und der einzige Weg nach drüben ist eine Hängebrücke. Regen und Nebel können sie morsch gemacht haben. Aber dennoch, ich wage mich darüber, Schritt für Schritt. Sie wackelt, sie schaukelt und knarzt.

Als ich auf der anderen Seite angekommen bin, drehe ich mich um und blicke zurück.  Ich denke an die Menschenhände, die die Brücke gebaut haben. Sie ist alt, aber wer hinüber will, muss auf die Brücke aufpassen, damit die einzige Verbindung zur anderen Seite nicht abreißt.

Ich sollte über Brücken schreiben, anstatt sie zu bauen und darüber zu gehen.
In den letzten Wochen habe ich einige errichtet, welche mit Eselsohren, andere aus Bauklötzen. Nicht alle waren standfest und sind wieder in sich zusammengefallen. Aber andere sind stehen geblieben. Und hat man  einen Schritt zurück gemacht und die Brücke betrachtet, war man stolz auf sie, denn sie ist die Verbindung zu einer schönen Erinnerung.
(Felicitas Friedrich, G 10 b)

„Tür in den Frieden“

Ich durfte während des Compassionprojekts jemanden begleiten auf seinem Weg zur Tür in den Frieden, durfte erleben, wie eine Person von ihrem Leiden erlöst wurde und friedlich eingeschlafen ist. Ich habe diese Person, eine 94-jährige Frau bereits in meiner ersten Compassionwoche kennengelernt. Sie war nicht mehr in der Lage, aufzustehen oder sich den Schwestern mitzuteilen oder selbständig zu essen und zu trinken. Ich habe sie erlebt, von Schmerzen gezeichnet, und schreiend aus Trauer, weil sie sich nicht mehr mitteilen konnte.
In der zweiten Woche wechselte ich die Einsatzstelle und kam in die Palliativstation. Dort traf ich auch die Frau wieder. Die Schwestern auf dieser Station haben mit der alten Frau ihre Zeit verbracht, ihre Angehörigen haben ihr Trost gespendet und die ehrenamtlichen Helfer haben ihr das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein.

Am Tag ihres Todes schien die Sonne und sie schlief friedlich in einem Rollstuhl inmitten des Schwesternzimmers. Am Abend, nachdem sie gewaschen worden war und in Ruhe in ihrem Bett lag, während sie Musik hören konnte, durfte sie einschlafen und durch die Tür in den Frieden gehen.
Ich bin dankbar dafür, erlebt zu haben, wie friedlich und schön die Schwestern der Palliativstation der alten Frau den Übergang in den Tod bereitet und dafür gesorgt haben, dass sie diesen Weg nicht alleine gehen musste.
(Leslie Wentsch, G 10 a)

 
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und auch das Segensgebet, das davon sprach, dass Menschen mit den himmlischen Gütern des Mitgefühls, des Mitempfindens und des Mitleidens gesegnet sind, was den Begriff „Compassion“ treffend umschreibt, schlossen diesen beeindruckenden Gottesdienst ab.

Dr. Jürgen Schmelter