„Wollust des Untergangs“: 100 Jahre Thomas Manns Tod in Venedig

Ausstellungsbesuch im Literaturhaus München

„Überreizt von der schwierigen und gefährlichen, eben jetzt eine höchste Behutsamkeit, Umsicht, Eindringlichkeit und Genauigkeit des Willens erfordernden Arbeit der Vormittagsstunden“, begaben sich die Schülerinnen des Deutschkurses der Q 12 (2D4) und ihr Kursleiter, die eben gerade nicht auf das „Fortschwingen des produzierenden Triebwerks im … Innern, jenen ‚motus animi continuus’“, setzen konnten, auf einen weiteren Spaziergang zum Salvatorplatz zu München … .

Dieser Spaziergang aber endete nicht vor dem Nordfriedhof, sondern im Literaturhaus München. Hier standen wir nach einer knappen halben Wegstunde vor der ersten Station der oben genannten Ausstellung mit dem Titel  „München“: In einem menschenleeren, abgedunkelten Ausstellungsraum begegneten wird jetzt jenem rätselhaften Wanderer aus der Novelle „ Der Tod in Venedig“. Frau Wilhelm, die kompetente Führerin, die zurzeit in Germanistik promoviert, stellte uns zunächst die Biographie Thomas Manns und seine Bezüge zur Landeshauptstadt München vor. Wir folgten von hier ausgehend dem Protagonisten Gustav von Aschenbach auf seiner Reise nach Venedig bis zum „Untergang“ und konnten auf diese Weise die Hintergründe und die kunstvollen Strukturen dieser auch in den Augen der zeitgenössischen Kritik „meisterhaften“ Novelle entschlüsseln, sehend, lesend und hörend: Im Jahre 1911 bereist Thomas Mann auf der Suche nach Zerstreuung Italien und Venedig – hier fließt die Italiensehnsucht so vieler deutscher Autoren ein. Die Reihe „kurioser Umstände und Eindrücke“, die ihm auf dieser Reise widerfahren, will er als kleine, „rasch zu erledigende Improvisation“ niederschreiben – innerhalb eines Jahres entsteht so die Novelle „Der Tod in Venedig“. Diese Novelle stellt bis heute eine der bekanntesten und populärsten Werke Thomas Manns dar.

Diese Novelle ist aber gerade nicht als kleine Improvisation zu lesen, denn sie entfaltet in sehr prägnanter Weise die großen Themen Thomas Manns: die Künstlerproblematik, die griechische Mythologie, die Philosophie Nietzsches, die Homoerotik, die Wechselbeziehung zwischen der Erzählung und Thomas Manns eigener Biographie – all das vor dem Hintergrund der kultur- und literaturhistorisch bewegten Zeit der décadence und des fin de siècle. In dieser Station bestand unter anderem die Möglichkeit, die Erstausgaben der Novelle und ihrer Hintergründe sowie Parallelen zwischen Gustav von Aschenbach und Thomas Mann in den Blick zu nehmen. Nicht wenig erstaunt waren wir zu hören, dass die im zweiten Kapitel der Novelle angeführte „Sebastian-Gestalt“, die für Gustav von Aschenbach als „das schönste Sinnbild“ der aktiven Leistung, der „Haltung im Schicksal, Anmut in der Qual“ gilt, auch als homoerotisches Schlüsselwort aufzufassen sein soll.

Die zweite Station „Reise“ geht auf die Hintergründe für den Entschluss Gustav von Aschenbachs, nach Venedig zu reisen, ein. Gezeigt werden die mythologischen Figuren am Münchener Nordfriedhof, die bereits auf Venedig verweisen. Eine Statue des Gottes Hermes ist  zu sehen, der die Reisenden auf ihren Weg lenkt.  Es fällt hier auch ein Ausschnitt aus einem Bild Henri Rousseaus, des Hauptvertreters der sogenannten „Naiven Malerei“, mit dem Titel „Palmenlandschaft“ ins Auge. Dieses Bild, das Thomas Mann in einer Münchener Ausstellung betrachtet hat, soll ihm wiederum als Vorlage für die Schaffung seiner „Urweltwildnis“ gedient haben: „ … er sah, sah eine Landschaft, ein tropisches Sumpfgebiet unter dickdunstigem Himmel, feucht, üppig und ungeheuer, eine Art Urweltwildnis aus Inseln, Morästen und Schlamm führenden Wasserarmen …“.

Die nächste Station „Hotel“ zeigte das berühmte „Hotel des Bains“ in Venedig, das Thomas Mann mit seiner Familie achtmal besucht hat. Hier begegnete er jenem Tadzio, über den es in der Literaturwissenschaft eine Unzahl von Mutmaßungen und Spekulationen gibt, zumal die verschiedensten Personen für sich in Anspruch nehmen, eben jener historische Tadzio gewesen und dem Autor begegnet zu sein.

„Venedig“ als die vorletzte Station zeigt auf, dass diese Stadt von jeher aufgrund ihrer glanzvollen Geschichte und der einzigartigen Lagunenlage Anziehungspunkt und Inspiration für Künstler gewesen ist. Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“ hat zu einem nicht geringen Teil zu dieser emotionalen Aufladung Venedigs beigetragen. Großformatige Bilder und Projektionen vermitteln hier einen Eindruck von der Atmosphäre dieser Stadt, die immer noch von ihr ausgeht: „Wenn man über Nacht das Unvergleichliche, das märchenhaft Abweichende zu erreichen wünschte, wohin ging man? Aber das war klar.“

Die letzte Station „Untergang“ nimmt den Tod des Protagonisten in den Blick: „Minuten vergingen, bis man dem seitlich im Stuhle Hinabgesunkenen zur Hilfe eilte. Man brachte ihn auf sein Zimmer. Und noch desselben Tages empfing eine respektvoll erschütterte Welt die Nachricht von seinem Tode“. Interessant war es hier zu erfahren, dass Thomas Mann die Erläuterungen, die er in seine Novelle über die Cholera einfließen lässt, direkt aus dem „Brockhaus“, dem Wikepedia der Zeit, wie es Frau Wilhelm nannte, übernommen hat. Diese Arbeitsweise bezeichnete Thomas Mann selbst als „gestaltendes Abschreiben“, das natürlich heute angesichts der informationstechnischen Möglichkeiten nicht unentdeckt bliebe.

Obwohl wir im Rahmen dieser Ausstellung nichts wirklich Neues erfuhren, lohnt sich der Besuch des Literaturhauses dennoch, wird doch hier dem Besucher eine interaktive Begegnung mit der Novelle ermöglicht, die auch in anschaulicher Weise herausstellt, dass diese Erzählung unzählige Auseinandersetzungen mit dem Stoff – in der bildenden Kunst, in der Musik, im Theater, Ballett und nicht zuletzt im Film  - nach sich zog.

Dr. Jürgen Schmelter