• Bild5.jpg
  • Bild3.jpg
  • Bild6.jpg
  • Bild4.jpg
  • Bild1.jpg

Von Lesebildern, Standbildern und Lesekisten

Im Rahmen des produktionsorientierten Umgangs mit Literatur versucht der Deutsch-Unterricht immer wieder, unseren Schülerinnen in der Unter-, Mittel- und Oberstufe die Möglichkeit einzuräumen, im gestaltenden Schreiben ihre Subjektivität zum Ausdruck zu bringen, eigene Fantasien und Visionen zu artikulieren sowie herkömmliche sprachliche Ausdrucks- und Vorstellungsmuster zu durchbrechen:

So sollten die Schülerinnen der Klasse G 6c nach der gemeinsamen Lektüre und Besprechung des von Arnulf Zitelmann herausgegebenen Jugendbuches „Unter Gauklern“ in Gruppen jeweils eine sogenannte „Lesekiste“ erstellen, deren Vorbilder im Bereich des freien und kreativen Schreibens zu finden sind.
Zunächst bildeten sich sieben verschiedene Gruppen, die zuerst die Auswahl einer entsprechenden Schlüsselszene vornehmen mussten.

 

 

Schon in der nächsten Stunde stand die praktische Umsetzung im Vordergrund, ging es doch darum, in den einzelnen Gruppen die verschiedenen Schlüsselszenen zu diskutieren und Ideen für die Gestaltung der Lesekiste zu sammeln, wobei sich die Schülerinnen im Diskurs auf ein Modell einigen mussten, das sie dann als Team in Angriff nahmen. Dabei erwies es sich als gar nicht so einfach, aus der Fülle der Materialien, die mit in die Schule gebracht worden waren, eine Auswahl zu treffen. Falls in einzelnen Familien Teppich- und Gardinenmuster abhanden gekommen sein, Spielzeug von Geschwistern gesucht werden oder Bastelutensilien der Familienväter sowie Nähzeug der Mütter fehlen sollten, könnte es in der Schule in den Lesekisten verbaut worden sein.
Die Möglichkeit, die Lesekisten gemeinsam im Unterricht herzustellen, wurde mit großem Engagement genutzt, und so entstanden sehr ansprechende kreative Umsetzungen. Ein besonderer Aspekt der Erarbeitung einer Lesekiste liegt gerade darin, dass diese Arbeit so etwas wie einen literarischen Kommunikationsprozess inszeniert: Denn die kreative Umsetzung einer Szene, die schließlich von der Ebene der Fiktion in die Ebene der Realität zu transformieren ist, wird zu einer Form der Rezeption, da die jeweiligen Schlüsselszenen diskutiert, interpretiert und umgesetzt werden.
Diesen Kommunikationsprozess bringt auch die Arbeit mit Stand- und Lesebildern mit sich:
Im Rahmen der Besprechung der von Annette von Droste-Hülshoff verfassten Novelle „Die Judenbuche“ in der Klasse G 9b ging es nach dem Lesedurchgang darum sich vorzustellen, einen gelesenen Ausschnitt zu verfilmen. Als Vorbereitung darauf sollten mehrere Skizzen angefertigt werden, aus denen hervorging, welche Beziehung zwischen den Protagonisten vorliegt und welche Handlungsmotive zu finden sind.

 

 

Als Alternative zu den Skizzen wurde die „Arbeit mit den Standbildern“ vorgestellt: In Gruppen erhielten die Schülerinnen die Aufgabe, die jeweilige Beziehung der beiden Personen in Form eines „eingefrorenen“ Bildes, das aus zwei Schülerinnen geformt wird, für ein „Publikum“ (Klasse) darzustellen. Die jeweilige Lösung kann dabei von einem Gruppenmitglied unter Bezugnahme auf den Text kommentiert werden; möglich ist es auch, zunächst den Eindruck und das Verständnis des Publikums zu erfragen.
Die Arbeit mit den Standbildern erwies sich aber nicht als ganz unproblematisch, da vor und während der Präsentation absolute Ruhe herrschen muss. Auf jeden Fall wird dadurch auch das kooperative Arbeiten in der Gruppe gefördert, geht es hier ebenfalls darum, aufeinander zu hören, sich selbst einzubringen, andere Ansichten anzuhören und Kompromisse einzugehen.

 

 

Auch „Lesebilder“ stellen eine kreative Umsetzung einer Lektüre dar, nämlich dadurch, dass eine bestimmte Szene oder ein inhaltlicher Schwerpunkt illustriert wird. Diese Illustration sollte sich auf einen bestimmten Gegenstand beziehen, der in dieser Lektüre eine besondere Rolle spielt. Inhaltsangaben, Charakterisierungen, Handlungsmotive und anderes sind in diese Illustration einzubeziehen. Für unsere Lektüre „Die Judenbuche“ wurden von den Schülerinnen folgende Gegenstände herangezogen: ein „Jahresplaner“, ein „Hecht“, ein Baum als „Judenbuche“, ein „Hemd“ als Symbol für die Blaukittel-Bande, eine „Violine“, ein „Brautschleier“.

 

 

Jede Gruppe stellte zum Abschluss dieser Unterrichtseinheit in einer fünfminütigen Präsentation ihr Lesebild den Mitschülerinnen vor.
Gerade im Zusammenhang mit Lesebilder, Standbildern und Lesekisten sollte die soziale Dimension dieser kreativen Umsetzung nicht übersehen werden: Der Austausch über die gestalterische Umsetzung der Schlüsselszenen und die gemeinsame Realisierung fördern die Zusammenarbeit im Team und das lebendige Gespräch über Literatur.

 

Dr. Jürgen Schmelter